Und ich Begann zu atmen

Hier kommt nun meine Geschichte, die mich selbst zur bewussten Atmung und die Atemarbeit führte.

Die Winterkälte war über München eingebrochen, als ich das Büro des Bauunternehmens in der Landwehrstraße verließ und zur U-Bahn lief. Irgendwie fühlte sich so vieles in meinem Leben surreal an. Ich war eine erfolgreiche junge Frau und hatte vieles erreicht, was ich mir vorgenommen hatte. Von außen betrachtet schien alles in Ordnung, doch in mir fühlte sich wenig wirklich in Ordnung an.

Die früh einbrechende Dunkelheit der Wintertage spiegelte etwas wider, das ich damals auch in mir trug.

Ich hatte es so oft leid, dieses mich von innen zerfressende Gefühl ständig im Schlepptau zu haben.

Wie oft wünschte ich mir eine Verschnaufpause. Es gab sie immer wieder, allerdings viel zu selten und viel zu kurz.

Wenn ich ganz ehrlich bin, war ich sehr unglücklich. Manchmal wollte ich nicht einmal wissen, warum ich unglücklich war, denn es schmerzte zu sehr.

Naja, ich lief zum Bahnsteig und wartete auf die U5, um mit einem Umstieg nach Trudering zu kommen.

Die U-Bahn fuhr ein und die Lichter, die mich am Ende des Tunnels erreichten, ließen meine Augen zusammenziehen. Ich merkte die Erschöpfung, die ich mit mir trug, als ich mich auf einem der Ledersitze niederließ.

Während die U-Bahn sich durch die Tunnel bewegte, nahm die Enge in mir immer weiter zu. Die vielen Menschen, die Stimmen, die Nähe und die Luft in diesem Waggon wurden plötzlich zu viel für mich. Alles in mir sehnte sich nach Weite, nach frischer Luft und nach einem Ort, an dem ich einfach nur wieder durchatmen konnte.

Nach nur wenigen Stationen stieg ich am Max-Weber-Platz aus. Dort ereignete sich die wohl schlimmste Panikattacke meines Lebens.

Mein Herz raste. Meine Atmung wurde schnell und flach. Mein ganzer Körper pochte. Ich fühlte mich dem Tod so nahe und eigentlich wollte ich nicht sterben.

Ich erinnere mich, wie ich wie wild die langen Rolltreppen am Max-Weber-Platz hinauflief und schließlich, wie auch immer das geschah, in einer Apotheke landete.

Das Erste, was ich sagte, war:

„Mir geht es gerade wirklich nicht gut. Und nein, ich habe keine Drogen genommen. Ich brauche einfach Hilfe.“

Eine Apothekerin, ich schätze damals Anfang sechzig, kam auf mich zu und sagte:

„Es ist in Ordnung. Nehmen Sie erst einmal Platz. Ich bringe Ihnen ein Glas Wasser.“

Als sie zurückkam, setzte sie sich zu mir. Sie schaute mich mit einer Herzenswärme an, die ich bis heute nicht vergessen habe.

Dann sagte sie:

„Wissen Sie, ich hatte viele Jahre Panikattacken. Damals, ungefähr in Ihrem Alter.“

Ich war überrascht.

„Wie meinen Sie das? Sie haben keine Panikattacken mehr?“

Sie lächelte mich liebevoll an. Hoffnungsvoll. Fast so, als würde sie etwas wissen, das ich noch nicht wusste.

„Nein“, sagte sie. „Seit über dreißig Jahren geht es mir wirklich gut.“

Ich war verwirrt.

Und gleichzeitig glaubte ein Teil tief in mir dieser Frau.

Einer völlig fremden Frau, die sich seltsam vertraut anfühlte.

Ich blickte sie mit fragenden Augen an.

„Was hat Ihnen geholfen?“

Innerlich gingen die unterschiedlichsten Möglichkeiten durch meinen Kopf. Baldrian? Johanniskraut? Medikamente, die ich eigentlich nie nehmen wollte?

Ihre Antwort war überraschend einfach.

„Atmen Sie.“

Dann machte sie eine kleine Pause und sagte noch einmal:

„Fangen Sie an zu atmen. Machen Sie Yoga. Und atmen Sie.“

Ich weiß noch, wie mich diese Antwort irritierte. Von allen Dingen, die ich erwartet hatte zu hören, gehörte Atmen ganz sicher nicht dazu. Während ich noch über Medikamente, Kräuter und all die Dinge nachdachte, von denen ich glaubte, sie könnten mir helfen, sprach diese Frau über etwas ganz anderes. Sie sprach über etwas, das mich seit meiner Geburt begleitete und dem ich bis dahin kaum Beachtung geschenkt hatte.

Den Atem.

Heute, viele Jahre später, kann ich kaum beschreiben, warum mich ihre Worte damals so berührten. Vielleicht war es ihre Ruhe. Vielleicht die Selbstverständlichkeit, mit der sie sprach. Vielleicht auch die Gewissheit, die in ihren Augen lag.

Was mich jedoch am meisten berührte, war etwas anderes.

Vor mir saß ein Mensch, der dort gewesen war, wo ich gerade war.

Und vor mir saß gleichzeitig der lebende Beweis, dass man diesen Ort wieder verlassen kann.

Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich Hoffnung nicht wie ein schöner Gedanke an.

Sie saß mir gegenüber.

Mit einem Glas Wasser in der Hand.

Und ich begann zu atmen.

Alles Liebe
Serpil

P.S

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